Gleichberechtigung kennt (noch) keinen Automatismus

Gleichberechtigung kennt (noch) keinen Automatismus

Wenn der Lockdown im Zuge der Corona-Pandemie eines gezeigt hat, dann dass die Gleichberechtigung der Frau in Deutschland (und wohl auch in anderen Ländern) auf eher tönernen Füßen steht. Sobald der kleinste Gegenwind aufkommt, werden die Frauen in alte, traditionelle Rollenmuster zurückgedrängt, bzw. lassen sie sich in diese zurückdrängen. Sichtbar wird dies, wenn Kindertagesstädten und Schulen für längere Zeit geschlossen bleiben. Dann wandelt sich das familiäre Jobsharing rasch zu einer klaren Aufgabenteilung: Die Mutter kümmert sich um die Jungmannschaft, während der Mann auf Jagt geht und Beute macht.

In der Krise wurden aus Berufsfrauen wieder Mütter

Freunde der Gleichberechtigung von Mann und Frau haben in den Monaten zwischen März und Mai 2020 deshalb einen bitteren Rückfall in längst vergessen geglaubte Zeiten erleben müssen. Ganz so fortschrittlich und modern, scheinen die westlichen Zivilisationen also doch nicht zu sein.

Warum dieser Rückschlag? Ist es die Gesellschaft als Ganzes, welches sich nach der guten alten Zeit zurücksehnt (und wenn ja warum)? Sind es die Firmen, die Väter oder die Mütter, welche hier die treibende Kraft hinter dieser, aus emanzipatorischer Sicht enttäuschenden Entwicklung stehen?

Möglicherweise spielt eine ganz andere Komponente mit, welche auch aus anderem Grunde eine stärkere Beachtung verdienen würde:

Frauen als Manövriermasse der Wirtschaft

Viele Frauen arbeiten im Niedriglohnbereich. Sie sind also oft nur stundenweise beschäftigt und das in einer untergeordneten Funktion. Minijobber zum Beispiel sind selten bis nie in einer Führungsposition. Die meisten Verträge in diesem Bereich sind sogar so konzipiert, dass die Minijobber ganz nach dem Bedarf der Betriebe eingesetzt werden können. Oder eben nicht.

Auch Teilzeitkräfte sind in der Mehrzahl Frauen. Darunter im Übrigen auch viele Akademikerinnen. Auf Teilzeitkräfte kann in der Regel besser verzichtet werden als auf Vollzeitmitarbeiter. Schon deshalb, weil die Betriebe bereits darin geübt sind, sich während der Zeit, da der Arbeitsplatz nicht besetzt ist, selbst zu helfen.

Mit anderen Worten: Die Corona Pandemie hat nicht nur gezeigt, dass die modernen Familienstrukturen im Grunde gar nicht so modern sind, sondern bestenfalls eine moderne Fassade haben. Sie hat auch schonungslos offengelegt, welche Rolle die Frauen in der Wirtschaft spielen. Nämlich eine Nebenrolle. Gleichberechtigung sieht anders aus.

 

In der Studie, die von Dr. Laura Romeu Gordo vom Deutschen Zentrum für Altersfragen mit verfasst wurde, werden die Entwicklung der Versicherungsbiografien von Frauen in West- und Ostdeutschland auf Grundlage der Versicherungskontenstichprobe (VSKT) der Deutschen Rentenversicherung ausgewertet. Die Studie verglich die Rentenanwartschaften von Frauen in Ost- und Westdeutschland der Geburtsjahrgänge von 1950 – 1954, von 1960 – 1964 und von 1970 – 1974 jeweils bis zur Vollendung des 41. Lebensjahres, dem Alter, das die 1974 geborenen Frauen am letzten Erfassungsdatum der Versicherungskontenstichprobe Ende 2015 erreicht haben.

Rentenabsicherung verharrt auf tiefem Niveau

Ich möchte an dieser Stelle aber auf einen anderen Punkt hinweisen: Die Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau in einer Familie hat auch andere Folgen: Zwar verzeichnen wir seit vielen Jahren bei den Frauen einen Beschäftigungszuwachs. Auf ihre Absicherung im Alter, hat dies aber praktisch keinen Einfluss. Der Grund liegt im niedrigen Einkommen, welche Frauen bei ihrer Erwerbsarbeit erzielen.

Eine kürzlich publizierte Studie des Deutsches Zentrum für Altersfragen stellt fest, dass sich die (theoretischen) Anwartschaften der Frauen, welche sie sich zwischen dem 20. und 41. Lebensjahr im Schnitt erarbeitet haben, über die Zeit kaum verändert haben. Der Grund dafür ist der hohe Anteil an Frauen, mit einem sehr tiefen Einkommen.

Gemäß der Studie seien 70% der Frauen auf der Basis Ihres Einkommens nicht in der Lage, ihre unzureichende gesetzliche Altersabsicherung, durch private oder betriebliche Vorsorge aufzustocken. Im Endergebnis führt das entweder zu Altersarmut (im Falle von Scheidung oder vorzeitigem Tod des Ehegatten) oder zu einer finanziellen Abhängigkeit vom Ehegatten.

Nicht gerade das, was sich die Gleichberechtigung zum Ziel gesetzt hat.

Gleichberechtigung muss geplant und organisiert werden

Entsprechend wichtig ist, dass sich die Frauen möglichst früh auf diese Entwicklung vorbereiten. Es ist von elementarer Bedeutung, dass Mütter ihre zukünftige Rolle nicht nur stillschweigend ausfüllen, sondern sich, wenn immer möglich mit dem Kindsvater auf eine faire Lastenteilung einigen. Wie die familiäre Aufgabenteilung im Einzelnen aussieht, sollte sich an den persönlichen Bedürfnissen und Vorstellungen orientieren. Da sollte man sich keinem Druck von außen beugen. Gleichberechtigung bedeutet nicht Gleichmacherei.

Entscheidend ist finanzplanerischer Sicht jedoch, dass die Altersvorsorge paritätisch aufgebaut wird. Dass sich der Mann also entweder an der Finanzierung der Altersvorsorge der Mutter beteiligt oder deren Einkünfte dazu verwendet werden kann, ihre Vorsorgesituation zu verbessern. Verantwortung und Lasten gemeinsam schultern. Das ist echte Gleichberechtigung und die Basis für eine solide, faire Partnerschaft.

 

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